Mein Einsatz für Ärzte ohne Grenzen

Dr. Ahmed Al-Sarraf berichtet von seinem Einsatz für Ärzte ohne Grenzen in Pieri im Südsudan.

 

Ich war in meinem Leben lang ein Getriebener, ein Abenteurer, suchte immer die „Action“, wie man mir oft in meinem Heimatkrankenhaus nachsagte. Mein Traum war einmal in Afrika zu arbeiten und so beschloss ich, als mir meine Welt in Gmünd zu eng wurde, mir diesen Traum zu erfuellen. Ein Vortrag von „Aerzte ohne Grenzen“, der mich sehr beeindruckte, bestaerkte mich in meinem Vorhaben und obwohl mich viele für  verrückt hielten, meine gute Stelle gegen eine unsichere Zukunft weit weg von der Heimat einzutauschen, schickte ich am nächsten Tag meine Bewerbungsunterlagen ab. Nach einem zweistündigen Interview auf Englisch einige Wochen später, und der Überprüfung meiner Computerkentnisse, meiner medizinischen Kenntnisse und meines Improvisationstalent, wo zum Glück mein medizinisches Wissen über die Computerkenntnisse siegte, führte mich mein nächster Schritt nach Hamburg zu einer dreimonatigen Tropenausbildung.

Bevor ich Anfang August 2006 am Ziel meiner Träume im Südsudan angekommen war, wurde ich im Hauptquartier in Amsterdam, 3 Tage lang auf meinen Einsatz, vor allem in Bezug auf Sicherheit vorbereitet.
Noch nicht einmal am Ziel angelangt fing ich nun doch das erste Mal an daran zu zweifeln, ob ich wirklich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Doch ehe ich noch weiter darüber nachdenken konnte, saß ich bereits im Flugzeug nach Nairobi und von dort nach Lokkichoggio, einem kleinen Ort an der kenianisch-sudanesischen Grenze, wo sämtliche Hilfsorganisationen, die in der Gegend operieren, zu Hause sind. Hier hatte ich noch die Möglichkeit mich gemeinsam mit einigen anderen Einsatzmitarbeitern aus der ganzen Welt, die ebenfalls auf ihren Einsatz warteten, zu akklimatisieren, bevor ich endlich an meinem Einsatzort in Pieri, im Südsudan, ankam.

Der erste Eindruck von Pieri bestand aus einigen Hütten mitten im nirgendwo bei 50 Grad im Schatten (eigentlich wollte ich sofort wieder ins Flugzeug springen und nach Hause fliegen). Die Klinik, in der ich arbeiten sollte, existierte nicht mehr, da sie im Mai zuvor von rebellierenden Gruppen zerstört wurde. Es wurde damals alles gestohlen, was nicht niet- und nagelfest war und bis auf einige Basismedikamente, 2 Pinzetten, 1 Schere und 3 rosa Venflons war nichts vorhanden.

Meinen ersten Arbeitstag in Afrika werde ich nie vergessen. Eine Mutter hatte gehört, dass der Kawaji Doktor (der Weiße) angekommen war und brachte ihr ein Jahr altes Baby mit cerebraler Malaria, schwerst dehydriert zu uns. Nun hieß es also umdenken von westlichen medizinischen Standards – auf einen vorhandenen rosa Venflon, von dem das Leben eines Kindes abhängt! Ich zitterte, konnte aber den Zugang legen, das lebensnotwendige Quinine verabreichen und das Kind retten. Einen besseren Einstand kann man sich wohl nicht wünschen!
Innerhalb kürzester Zeit sprach es sich herum, dass ein „fähiger“ weißer Mann da war, und die früheren Angestellten und die Patienten der Klinik begannen zurückzukommen. Als ranghöchstem, medizinischem Teamleader unterstanden mir alle medizinischen Angestellten. Ich war für die Anstellung der nationalen Mitarbeiter sowie für deren Training und die Ausbildung zuständig. Keiner von ihnen hatte irgendwelche medizinischen Vorkenntnisse, einziges Einstellungskriterium war die Verständigung auf Englisch. Nach intensivem Training entstand in nur 6 Monaten ein Team aus Ambulanzschwestern, Stationsschwestern, Hebammen und OP-Schwestern.

Wir hatten eine allgemeine Ambulanz, eine Station, ein Programm für unterernährte Kinder, ein Tuberkulose- und ein Kala Azar-Projekt. Wir führten Impfaktionen für Kinder durch und behandelten Seuchenausbrüche wie Cholera, Meningitis oder Masern. Da mir nur ein einfaches Labor mit einem Mikroskop und einigen primitiven Tests zur Verfügung standen, musste ich mich sehr oft auf meine Sinne verlassen. Einmal pro Woche fuhren wir in die umliegenden Dörfer und betrieben „Mobile Kliniken“, um auch jenen Patienten eine Versorgung gewähren zu können, die weiter weg lebten und den Fußmarsch nicht auf sich nehmen konnten.

Mein Klinikalltag begann um 8 Uhr bei einer Visite auf der Station. Danach kümmerte ich mich um die ambulanten Patienten. Zwischen 12 und 16 Uhr war Mittagspause, da die Arbeit bei 40 Grad sehr mühsam ist. Nachmittags kümmerten wir uns um Tuberkulosekranke und benutzten die restliche Zeit für Training. In der Nacht wurde die Klinik von einem Stationsschwesternteam geführt, mit mir auf Rufbereitschaft. Operiert wurde anfangs untertags auf einem Tisch unter freiem Himmel unter einem Moskitonetz, abends mit einer Stirnlampe, wobei ich Chirurg und Anästhesist gleichzeitig war. Später baute ich mir meinen eigenen „ Operationssaal“, in dem uns auch öfters Fledermäuse, Schlangen und Igel besuchten. Trotz einfachster medizinischer Mittel, die uns zur Verfügung standen, wurden während meines Aufenthaltes in eineinhalb Jahren in unsere Klinik mehr als 100 Geburten durchgeführt, 70 Meningitispatienten gleichzeitig behandelt, ca. 100 Tuberkulosepatienten und ca. 100 Kinder mit Masern gleichzeitig stationär versorgt. Außerdem kamen zusätzlich ca. 150 ambulante Patienten täglich zu uns.

Zu erzählen gäbe es noch sehr viel, was mir jedoch wichtig ist zu erwähnen, ist die Tatsache, dass wenn man so wie ich so lange an einem Ort wie Pieri verbracht hat, ein Teil der Bevölkerung wird. Man lernt die Sprache (Nuer), versteht die Kultur und kennt die meisten der Patienten namentlich.

Wer einmal erleben durfte, wie man auf dem Flugfeld nach dem Heimaturlaub von hunderten Patienten und Angehörigen gefeiert wird, der vergisst, dass man an einem der gefährlichsten Orte der Welt gelebt und gearbeitet hat. Alle Entbehrungen, Hitze, Gefahr, Schlangen, Skorpione, monatelang kein Fernseher, werden plötzlich zur Nebensache. Die Abenteuerlust wandelt sich in Idealismus.

Ich könnte jedem jungen Arzt so einen Einsatz empfehlen, die Arbeit unter diesen einfachen Bedingungen lehrt uns zu schätzen, welch tolles medizinisches System uns in Österreich zur Verfügung steht.

Ein Bericht von Dr. Ahmed Al – Sarraf

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