Buchrezension: "Die Wissenschaftslüge"

In Zeiten immer mehr dilletantisch recherchierter Berichte von Zeitungen zu wissenschaftlichen Studien, beschloss Ben Goldacre über die größten Pseudowissenschaften der Gegenwart und deren oft kritiklosen Anhängern, insbesondere den Medien Großbritanniens, aufzuklären. 

Selbst als Arzt und praktizierender Psychiater tätig, hilft er damit vor allem Medizinstudenten und Ärzten Pseudostudien und -wissenschaften kritischer und genauer zu betrachten. Mit seinem Blog im britischen "Guardian" bringt er Lesern schon seit einigen Jahren die richtige Skepsis gegenüber dubiosen Medienberichten bei und klärt über Fehlinterpretationen von Studien auf. Nun gibt er sein Wissen auch gesammelt in der Neuerscheinung "Die Wissenschaftslüge" an interessierte Leser weiter.
Zu Zeiten, in denen unter Wiener Medizinstudenten die Wirkung von Homöopathie intensiv diskutiert wird, heizt Ben Goldacre die Debatte mit Sicherheit weiter an. Mit einem kritischen und einem wissenschaftlichen Auge, zerlegt er die Homöopathie in ihre Einzelteile und lässt den häufigsten Argumenten von Homöopathen keine Chance. Dafür ist Goldacre zu sehr Wissenschafter, als dass er den Hypothesen Hahnemanns Glauben schenken würde.
 
"Woher weiß ein Wassermolekül, dass es alle anderen Moleküle vergessen soll, die es zuvor gesehen hat? Woher weiß es, wann es meinen Bluterguss mit seiner Erinnerung an Arnika und nicht etwa mit der Erinnerung an Isaac Asimovs Fäkalien heilen soll? Ich habe das einmal in der Zeitung geschrieben, und ein Homöopath beschwerte sich prompt bei der Presseaufsicht. Nicht die Verdünnung sei das Maßgebliche, sagte er, sondern die Verschüttelung. Es gelte, den Wasserflakon zehnmal forsch auf eine mit Leder und Pferdehaar bezogene Oberfläche zu schlagen, da auf diese Weise das Wasser dazu animiert werde, sich an ein Molekül zu erinnern. Weil ich dies erwähnt hatte, erklärte er, hätte ich Homöopathen willentlich als Dummköpfe hingestellt. Noch so ein Universum der Dummheit."
 
Goldacre erklärt oftmals mit großer Geduld und viel Wissen, warum zum Beispiel jene Hysterie - ausgelöst von britischen Medien, oftmals sogar Qualitätszeitungen - über den möglichen Zusammenhang von Autimus und MMR-Impfungen völlig aus der Luft gegriffen war und beleuchtet die Hintergründe, wie es dazu kam. Auch der MRSA-Skandal, den Goldacre mit aufdeckte, lässt aufhorchen, wenn man erfährt, mit welchem Unwissen und nicht vorhandenem Interesse, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, von Medien berichtet wurde. So bezogen viele großen Tageszeitungen des Landes die Ergebnisse ihrer selbst durchgeführten (vermeintlichen) MRSA-Abstriche von einem Labor, dessen Besitzer alles nur kein Mikrobiologe war. Kontrollierten die beschuldigten Spitäler ihre eigenen Abstriche, so kamen sie nie zu einem positiven Ergebnis. Dennoch setzen die Medien weiterhin auf ihren falschen Mikrobiologen, brachte er doch so gut wie immer die erhofften Ergebnisse.
 
Auch an echten Ärzten lässt Goldacre oftmals kein gutes Haar. Manchmal glauben fertige Mediziner mit ihrer Promotion unendliche Weisheit erlangt zu haben, die auf keinen Fall durch Weiter- oder Fortbildung erweitert werden könne. So echauffierte sich Goldacre über die Reaktionen von Allgemeinärzten auf einer Internetplattform, die sich über den Vorstoß des "Daily Telegraph" beschwerten, ab sofort Schwangerschaftsabbrüche in ihren Praxen durchzuführen. Sie hinterfragten, was sie denn jetzt noch alles neben ihrer bisherigen Arbeit machen müssten und stellten in Frage, wie dies ohne zusätzliches Personal zu verrichten sei. Der Gedanke, dass mit jenem Vorschlag lediglich die Verordnung der "Pille danach" gemeint sein könnte, darauf kamen sie nicht.
 

Als Medizinstudent kann man von diesem Buch unter anderem dadurch profitieren, dass Goldacre viele wichtige wissenschaftliche Fachbegriffe gemeinsam mit Statistikfällen anschaulich beschreibt und es einem so zum Beispiel leichter fällt, relatives und absolutes Risiko auseinander zu halten und richtig zu interpretieren. Viele Zeitungen scheitern jedoch in ihren Berichten schon an solch einfachen Begriffen. Goldacre berichtet weiters über den Omega-3-Fettsäuren-Hype und gewisse Ernährungsberater im Allgemeinen, falsch interpretierte Statistiken, nicht veröffentlichte Studien und Brain Gym. Auch auf Schlagwörter wie "Regression zur Mitte" oder dem populären "Placeboeffekt" wird eingangen.
 
Letztendlich eine Lektüre, die das kritische und wissenschaftliche Denken fördern kann, sofern man das möchte. Es ist Buch, dass keinem Mediziner und Wissenschafter dieser Welt schadet, sofern er nicht einen großen Hang zur Esoterik besitzt. Anhänger von Pseudowissenschaften sowie Kritiker von EBM werden mit diesem Buch wenig Freude haben. Goldacre nimmt sich kein Blatt vor dem Mund, sei es über Personen die ihn verklagen oder so genannte Pseudowissenschaften und das macht ihn letztendlich sympathisch.
 
P.S.: Ihr möchtet wissen, wie so eine "Pseudostudienverwertung" auf österreichisch aussieht?
 
Ben Goldacre
"Die Wissenschaftslüge"
Fischer Verlag
ISBN 978-3-596-18510-8
(A) 10,30
 
 
Die ersten drei User, die uns sagen, wofür der griechische Buchstabe Omega bei den Omega-3-Fettsäuren steht, können eines von drei Exemplaren "Die Wissenschaftslüge" von Ben Goldacre gewinnen! Einfach eine eMail mit Name und Adresse an gewinnspiel@medizinstudium.at schicken! Viel Glück!
 
 
MEDIZINSTUDIUM.AT bedankt sich für die kostenlose Bereitstellung der Fotos sowie den drei Exemplare beim Fischer Verlag, insbesondere bei Frau Kisser. 

Foto: © Brett Williams, by kind permission of the Medical Journalists' Association

 
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