Rezension: Anleitung zum Unglücklichsein
Eine neben Freud und Frankl bedeutende Persönlichkeit in Sachen Psychologie und Psychotherapie war auch Paul Watzlawick. Der aus Kärnten stammende Weltenbummler studierte Philosophie und Sprachen, später absolvierte er eine psychotherapeutische Ausbildung in ...
... Zürich. In El Salvador, Palo Alto und Stanford praktizierte er als Professor und Forscher und erkannte mit der Zeit mehrere Gründe, woran die menschliche Seele krankt. Zu oft stehen seiner Ansicht nach vor allem Pessimismus und falsche Gedankenmuster im Vordergrund des menschlichen Denkens.
"Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen."
Doch anstelle eines Ratgebers in besserwisserischer Manier zu schreiben, bevorzugte er den Spieß Anfang der 80er Jahre umzudrehen und eine sogenannte "Anleitung zum Unglücklichsein" zu veröffentlichen. Ein Buch, das noch heute von Kabarettisten wie Eckart von Hirschhausen (Programm: "Glück" und "Liebesbeweise") oder Bernhard Ludwig (Programm: "Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit") als Grundlage für ihre Bühnenstücke verwendet wird. Mit Hilfe von Vergleichen, Geschichten, Metaphern und Aphorismen werden die Wege ins Unglück ironisch beleuchtet.
"Den Willigen führt das Schicksal, den Unwilligen zerrt es dahin."
Es ist eine einfache Milchmädchenrechnung, dass es der Menschheit bedeutend besser gehen würde, wenn sie damit aufhören würde, nach dem seltenen Glück in Form eines vierblättrigen Kleeblatts oder dem einen perfekten Partner zu suchen. Viele im Gesundheitssystem tätige Menschen werden auch der Hypothese und in zahlreichen Studien untersuchten Fragestellung Recht geben, dass glückliche bzw. positiv denkende Menschen seltener erkranken, besser mit Krankheiten umzugehen versuchen und schneller genesen.
"Es ist höchste Zeit, mit dem jahrtausendealten Ammenmärchen aufzuräumen, wonach Glück, Glücklickeit und Glücklichsein erstrebenswerte Lebensziele sind."
Glück ist allgegenwärtig und kann doch durch einfach zu vermeidende Gedankenfehler zerstört werden. Diesen Missverständnissen ist in Watzlawicks Werk ausreichend viel Platz gewidmet. Kritisch wird es beispielsweise, wenn auf Objektebene das selbstgekochte Gericht der Ehefrau gelobt werden sollte, obwohl es nicht schmeckt. Die Beziehungsebene zwischen den Eheleuten macht diesen Sachverhalt schnell komplexer, als ihnen lieb ist. Die Lösungsansätze von Paul Watzlawick lassen darauf schließen, dass es nicht die eine richtige Antwort gibt. Mit einer beträchtlichen Portion Ironie verlangt Paul Watzlawick dem Leser aufmerksames Lesen und Mitdenken ab. Lässt man sich auf seine Gedankenspiele und -beispiele ein, so kann man auch treffende Seitenhiebe in Richtung Medizinstudenten vorfinden.
“Hilflos dem Spiel unbeeinflussbarer Vorgänge ausgeliefert, kann er
völlig glaubwürdig nach Herzenslust an ihnen leiden.”
Im Kapitel "Die Geschichte mit dem Hammer" wird anhand von zahlreichen Beispielen angeführt, wie mit Hilfe von selektiver Wahrnehmung das Unglück mit Leichtigkeit hervorgerufen werden kann. So fällt es vielen Medizinstudenten im Laufe ihres Studiums schwer, todbringende Selbstdiagnosen als Irrwege der eigenen, zeitweise überforderten Psyche zu erkennen. "Mouches volantes" lösen bei den meisten Menschen weder Hysterie noch Panik aus, sollten sie ihnen einmal ins Auge springen, bei Medizinstudenten jedoch kann das beim Kennenlernen zahlreicher Symptome und Krankheiten umschlagen, wenn insbesondere das theoretische Wissen praktisch am eigenen Körper gesucht und gefunden wird.
Ein unschuldiger Blick weg vom Lehrbuch und hin zur gelblichen Wand im AKH-Lesesaal und von der einen auf die anderen Sekunde sind sie da, die kleinen Flecken, direkt vor den Augen. Für gewöhnlich ist diese Entdeckung kein Grund zur Beunruhigung, aber erkläre das einmal einem Hypochonder. Das Unglück wird in solchen Situationen für den Unwissenden dadurch verstärkt, dass man nach der Überzeugung handelt, dass es nur eine richtige Auffassung gibt, nämlich die eigene. Gespräche mit anderen Leidensgenossen, auch wenn sie Paul Watzlawick nicht explizit erwähnt, können hierbei eine schnelle Heilung versprechen. Nicht ohne Grund sind Selbsthilfegruppen unausrottbar.
"Der Sozialstaat braucht die stetig zunehmende Hilflosigkeit und Unglücklichkeit seiner Bevölkerung so dringend, dass diese Aufgabe nicht den wohlgemeinten, aber dilettantischen Versuchen des einzelnen Staatsbürgers überlassen bleiben kann."
Paul Watzlawick wagt darüber hinaus auch das System Staat im Bezug auf das Gesundheitssystem zu kritisieren, indem er die stetig zunehmende Hilflosigkeit und Unglücklichkeit vieler Bevölkerungsschichten als notwendige Übel zum Funktionieren ganzer Industriezweige betrachtet. Ein Pille hier, eine Pille da. Das Gespräch mit den Patienten kommt oftmals zu kurz. Jeder Medizinstudent, der schon famuliert hat, weiß das. Schon zu Watzlawicks Zeiten stieg der jährliche Konsum verschriebener Medikamente im Vergleich zu den Jahren zuvor markant an. Er führt dies auf ein steigendes Unwissen und die Unfähigkeit zurück, für sich selbst zu sorgen und zu wissen, was gut für einen ist.
"Und derselbe Erfolg winkt außerdem auch jenen Mitmenschen, die der Stimme des gesunden Menschenverstandes und den Eingebungen ihres Herzens folgend dem Betreffenden gut zureden, ihn aufmuntern und ein bisschen zum Sichzusammenreißen ermutigen."
Wer einen an Depressionen erkrankten Menschen versucht aufzuheitern, zu Spontanität oder Unternehmungen auffordert, wird das Gegenteil ernten. Das "Sei spontan"-Paradoxon, jemanden just zu einer spontanen Handlung bewegen zu wollen, funktioniert schon bei gesunden Menschen sehr schwer, bei depressiven Personen ist es noch aussichtsloser. Jemand, der unter mangelnder Lebenslust leidet und dann nochmals eine Portion Schuldgefühle aufgeladen bekommt, weil er nicht mitmachen oder mitkommen möchte, hat es wahrlich nicht einfach.
Mit Verlaub, es ist kein typisches Buch für Mediziner. Wer jedoch eine horizonterweiternde Lektüre für Medizinstudenten sucht, findet mit Paul Watzlawick einen guten Vertreter. Wer nun eines von drei Exemplaren dieses Antiratgebers gewinnen möchte, muss uns nur einfach erklären, warum gerade er oder sie dieses Buch gewinnen soll. Eure Antworten bis 18.01.2012 bitte an gewinnspiel@medizinstudium.at schicken! Solltet ihr gewinnen, werdet ihr per eMail benachrichtigt.
AN
Bild: Piper Verlag GmbH | Anleitung zum Unglücklichsein, Paul Watzlawick http://www.piper-verlag.de/media/0000464427.jpg
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