Die Sache mit dem Sezieren

Wenn sich das Medizinstudium in einer Sache grundlegend von vielen anderen Studienrichtungen unterscheidet, dann an Hand des Fachs Sezieren oder auch neuerdings Organmorphologie genannt. Was früher schon im zweiten Semester gang und gäbe war, wird den Studenten in Wien seit dem SoSe 2008 nun erst ab dem 4.Semester abverlangt. Auch die Neuerungen, die seit der Modifikation dieser Line Einzug gehalten haben, lassen bei den Studenten keine Langeweile aufkommen. So kann man neuerdings im Forum „Moodle“ ein Profil zur eigenen Person einrichten, damit die Kollegen einen besser kennenlernen können. Facebook dürfte dann wohl doch eine Nummer zu groß für Professor Streichers innovative Idee gewesen sein.
Die MUW hat auch sonst so ihre Besonderheiten. Einerseits wird bei PKU größtmöglichen Wert darauf gelegt, dass sich jeder hinter extra eingezogenen „Wänden“ umziehen und bei Bedarf sogar in geschlechtergetrennten Gruppen üben kann. Andererseits wird in der Anatomie jede Vorstellung des geschlechtergetrennten Umziehens über Bord geworfen. Das Umkleiden ist jedoch von allerhöchster Notwendigkeit, wenn man später seinen Sitznachbar in der Straßenbahn nicht olfaktorisch belästigen möchte. Der Karbolformalingeruch setzt sich nämlich schneller im Gewand fest, als man sein Skalpell zücken kann.
Sich dann auch noch ein Sezierbesteck zu kaufen - das hat schon etwas. Knochenschaber, Muskelspreizer, Skalpell, Pinzette. Die meisten Freunde und Bekannte, die mit Medizin maximal beim Hausarzt in Berühung kommen, rümpfen allein bei der Vorstellung der genannten Geräte die Nase. Hat man sich also für Holzkästchen oder Lederetui entschieden, sollte man sich noch mit genügend Einwegklingen und Nitrilhandschuhen, sofern man den Formalingestank an seinen Hand nicht haben möchte, eindecken.
Vor dem ersten Seziertermin merkt man eine ungewöhnliche Atmosphäre unter den Studenten, die eine Mischung aus Interesse, Neugierde und doch auch irgendwie Unbehagen erfüllt. Es ist nicht wie vor einer Prüfung oder einem Seminar mit Prüfungscharakter, es ist einfach dieses Unbekannte, einen toten Menschen nicht zur zu sehen, sondern auch aufzuschneiden.
Der Seziersaal selbst wirkt hell und irgendwie auch freundlich und der erste Blick fällt sofort auf die silbernen Tische. Die Leichen sind zuerst noch alle mit einer grünen Plastikplane bedeckt. Behutsam werden wir auf das, was uns da jetzt die nächsten Monate erwarten wird, vorbereitet und wenig später findet man sich schon mit seinen fünf KollegInnen beim Setzen der Hautschnitte wieder.
Ziemlich schnell verdrängt man, dass man es hier mit einem Menschen zu tun hat, ob aus Selbstschutz oder Automatismus, jeder ist wohl mehr damit beschäftigt, die zu findenden Strukturen ausfindig zu machen, zu verfolgen und wenn möglich nicht zu verletzen.
In den ersten OM-Stunden vergeht die Zeit wie im Flug, es ist eine wie eine Entdeckungsreise mit Überraschungscharakter: "Werde ich, wenn ich da jetzt das mit dem messerscharfen Skalpell durch das Bauchfett fahre, einen Nerv durchtrennen oder nicht?" - "He, cool was hab ich da jetzt entdeckt? Ach, leider nur Fett und Bindegewebe!" Bis dann doch irgendwann so richtig tolle Strukturen zum Vorschein kommen: "Kann ich bitte den Superkleber haben? Ich hab gerade die Vena cephalica gecuttet!"
Gewöhnungsbedürftig ist auch die Art der Leistungsüberprüfung, da man erstmalig von jüngeren, gleichaltrigen oder um wenige Jahre ältere Kollegen abgeprüft wird, aber irgendwie sind die Prüfungen dann auch nicht viel anders als bei ao.Profs oder gar echten Profs. Man wird etwas gefragt, man versucht die Frage zu beantworten und ärgert sich im Nachhinein über die Notengebung, oder auch nicht.
Männlicher Kommilitone im Semester Nummer 4, kurz vor der SIP 2. Berichterstattung angefangen über das alltägliche Leben an der Universität und ihren Begleiterscheinungen, anhand von eigenen Erfahrungen und Erfahrungsberichten von Kommilitonen. Sarkastisch, überzogen, zynisch und manchmal auch ganz ernst.
Willkommen im Abenteuer Medizinstudium.
